Ein gutes Labeling-System entsteht selten dadurch, dass einzelne Begriffe unabhängig voneinander festgelegt werden, sondern viel mehr aus der Sammlung möglicher Labels aus verschiedenen Quellen. Diese werden miteinander verglichen und anschließend zu einem konsistenten System zusammengeführt. Bestehende Inhalte, vergleichbare Websites und die Sprache der Nutzer*innen liefern dabei häufig schon geeignete Begriffe. Aus den zusammenpassenden Bezeichnungen kann ein System entwickelt werden, das für die Zielgruppe verständlich ist.
„Your most important sources are your content (and potentially its authors), and the people who will be using your environment.“
Bestehende Systeme und Inhalte
Ein sinnvoller Ausgangspunkt ist die bestehende Website, also deren Menüpunkte, Überschriften, Kategorien oder weitere Labels. Die Untersuchung kann unterschiedliche Bezeichnungen für dieselben Inhalte oder uneinheitliche Schreibweisen aufdecken. Auf vergleichbaren Websites kann nach etablierten Begriffen gesucht werden, denn wiederkehrende Bezeichnungen sind häufig ein Zeichen für Konventionen, die Nutzer*innen bereits aus anderen Informationsarchitekturen kennen. Die Inhalte der Website können ebenfalls dabei helfen, geeignete Labels zu finden, wenn beispielsweise Seitentitel oder Überschriften wiederkehrende Begriffe liefern.
Perspektive der Nutzer*innen
Welche Begriffe Nutzer*innen mit bestimmten Inhalten verbinden, lässt sich über eine verbreitete Methode namens Card Sorting untersuchen. Dabei werden repräsentative Inhalte auf Karten dargestellt und von Teilnehmer*innen gruppiert. Auf diese Weise können erwartete Gruppierungen oder mögliche Bezeichnungen sichtbar werden. Die Ergebnisse müssen nicht als fertige Informationsarchitektur übernommen werden, sondern dienen vor allem dazu, mentale Modelle, Gruppierungen und den Wortschatz der Zielgruppe kennenzulernen. Über vorhandene Daten können Hinweise über den Sprachgebrauch ermittelt werden. Das können beispielsweise Suchanfragen, häufig gestellte Fragen oder Supportanfragen sein.
Vom Label zum System
Diese gesammelten Begriffe werden anschließend miteinander verglichen und doppelte oder ähnliche Labels zusammengeführt sowie Schreibweisen vereinheitlicht. Die von uns bereits behandelten Richtlinien lassen sich auf das System anwenden: Verwenden die Labels die gleiche Syntax? Ist der Detailgrad ähnlich? Ist ihre Sprache konsistent und für die Zielgruppe verständlich? So entsteht ein Labeling-System, dessen Elemente miteinander funktionieren.
Evaluation des Systems
Über einen sogenannten Tree Test kann das Labeling-System getestet und herausgefunden werden, ob Nutzer*innen anhand der gewählten Labels tatsächlich die erwarteten Inhalte finden. In einem Tree Test wird die hierarchische Struktur ohne visuelle Gestaltung dargestellt und Teilnehmer*innen müssen entscheiden, über welche Kategorien sie die gesuchten Inhalte erreichen würden. Auf diese Weise lässt sich untersuchen, ob Struktur und Bezeichnungen verständlich sind.
“Navi” als Beispiel
Auch die Hauptnavigation dieses Guides wurde während der Entwicklung hinsichtlich ihrer Bezeichnungen geprüft. Die ursprüngliche Hauptnavigation enthielt diese fünf Begriffe:
Organisation · Labeling · Design · Umsetzung · Barrierefreiheit
Bei genauerer Untersuchung hat sich ergeben, dass die Navigation mehrdeutige Begriffe enthielt. So könnte beispielsweise “Organisation” auch dafür sorgen, dass Navi als Institution verstanden wird oder “Design”, dass wir uns tiefgehend mit visueller Gestaltung beschäftigen. Ausgehend von den jeweiligen Inhalten und der definierten Zielgruppe wurden deshalb alternative Bezeichnungen entwickelt und miteinander verglichen. Das Resultat sieht wie folgt aus:
Struktur · Benennung · Navigation · Umsetzung · Barrierefreiheit
Fachbegriffe wie “Informationsarchitektur” oder “Labeling” werden somit in der ersten Menüebene vermieden, dann aber in der zweiten Ebene aufgegriffen, durch Beschreibungen ergänzt und Nutzer*innen auch ohne viel Vorkenntnisse an die Themen herangeführt. Den vollständigen Prozess der Analyse könnt ihr im Blog nachlesen.
Pflege & Weiterentwicklung
Durch neue Inhalte, veränderte Strukturen oder einen verändernden Sprachgebrauch können bestehende Bezeichnungen perspektivisch nicht immer optimal funktionieren. Ein Labeling-System ist also mit Veröffentlichung der Website nicht zwangsläufig abgeschlossen. Labels sollten insbesondere bei größeren Veränderungen der Informationsarchitektur neu betrachtet und bei Bedarf angepasst werden.
Zusammenfassung
Labeling-Systeme entstehen durch das Sammeln, Vergleichen und Vereinheitlichen geeigneter Bezeichnungen. Bestehende Systeme, Inhalte und die Sprache der Nutzer*innen können dafür als Ausgangspunkt dienen. Durch Methoden wie Card Sorting können mögliche Gruppierungen und Begriffe entdeckt werden. Durch Methoden wie Tree Testing kann geprüft werden, ob Nutzer*innen innerhalb der entwickelten Struktur die erwarteten Inhalte finden. Ein Labeling-System sollte anschließend regelmäßig geprüft und gemeinsam mit seinen Inhalten weiterentwickelt werden.
Quellen
- Tankala, Samhita; Sherwin Katie (02.02.2024). Card Sorting: Uncover Users‘ Mental Models for Better Information Architecture. Nielsen Norman Group. Abgerufen am 13.09.2026.
- Laubheimer, Page (19.08.2026). Tree Testing: Evaluate Menu Labels and Categories. Nielsen Norman Group. Abgerufen am 13.09.2026.
- Rosenfeld, Louis; Morville, Peter; Arango, Jorge (2015). Information Architecture: For the Web and Beyond. 4. Auflage. O’Reilly Media.