Organisationssysteme

Wir kommen täglich mit Organisationssystemen aller Art in Berührung, sei es im Internet oder im realen Leben. Wenn wir den Fahrplan der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit checken, werden uns die nächsten Bahnen der entsprechenden Linie in chronologischer Reihenfolge angezeigt. Ein vollkommen logisches Prinzip, denn wir möchten natürlich wissen, wann unsere nächste Möglichkeit ist, eine Bahn zu erwischen, während uns eine Sortierung nach Fahrtnummer hingegen wenig nützt. Wir haben die nächste Bahn erwischt und sogar noch zehn Minuten Zeit, die wir für einen Einkauf nutzen können. Die zehn Minuten reichen aus, denn wir wissen durch das Organisationssystem des Supermarktes, an welcher Stelle wir welche Artikel finden können. Müssten wir in einem unsortierten Supermarkt nach Produkten suchen, wäre es reine Glückssache, ob wir schlussendlich jeden Punkt auf der Einkaufsliste abhaken können. Dieses System ist subjektiv und im Vergleich zum Beispiel der Straßenbahn nicht eindeutig. Sind wir beispielsweise auf der Suche nach Zitronensaftkonzentrat, könnten wir dieses an verschiedenen Stellen erwarten. Üblicherweise ist es bei den Getränken einsortiert, könnte thematisch aber genauso gut in der Nähe der Zitronen zu finden sein.

Organisationssysteme im Web

Das Beispiel des Supermarktes lässt sich weitestgehend auf einen Online-Shop übertragen, nur dass dieser weitaus mehr Möglichkeiten zur Organisation mit sich bringt. So ist er nicht auf physischen Platz angewiesen, kann Produkte in mehreren Kategorien unterbringen oder materielle gemeinsam mit immateriellen Gütern zum Verkauf anbieten. Der Supermarkt hat einen festen Aufbau, den alle Kund*innen nach einem festen Schema ablaufen: Zuerst kommen Obst und Gemüse, die Getränke kommen in den meisten Fällen zum Schluss. Auf Websites gibt es hingegen viele Möglichkeiten, zu einem Produkt zu gelangen, worauf wir im Kapitel “Navigation” genauer eingehen werden. Der entscheidende Unterschied im Organisationssystem ist die Heterogenität von digitalen Umgebungen.

„Most digital information environments, on the other hand, are highly heterogeneous in many respects. For example, websites often provide access to documents and their components at varying levels of granularity. A site might present articles and journals and journal databases side by side. Links might lead to pages, sections of pages, or other websites. And websites typically provide access to documents in multiple formats. You might find financial news, product descriptions, employee home pages, image archives, and software files. Dynamic news content shares space with static human-resources information. Textual information shares space with video, audio, and interactive applications.“

Information Architecture: For the Web and Beyond [S. 101]

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Kategorisierung von Inhalten, die wiederum verschiedene Zielgruppen ansprechen. Das genaue Zusammenspiel von Nutzer*innen, Inhalt und Kontext haben wir im Kapitel “Informationsarchitektur” behandelt. Wir unterscheiden dabei zwischen Organisationsschemata und Organisationsstrukturen. Aufgrund verschiedener Bedürfnisse und Herangehensweisen der Nutzer*innen empfiehlt es sich, mehrere Organisationssysteme zu verwenden oder diese als Alternativen anzubieten. Weitere Informationen zu solchen Alternativen behandeln wir im Kapitel “Ergänzende Navigation”.

Organisationsschemata

Organisationsschemata beschreiben die gleichen Merkmale von Informationen innerhalb einer Gruppe. Wir unterscheiden dabei zwischen exakten und mehrdeutigen Schemata. Beide Varianten sind bereits in unserem Beispiel zu Beginn vorgekommen: Die exakte chronologische Abfolge der Abfahrtszeiten der Straßenbahn und das mehrdeutige System der Sortierung im Supermarkt.

Exakt & Mehrdeutig

Unter exakten Organisationsschemata verstehen wir objektive Systeme wie alphabetische oder chronologische Sortierung, wie wir sie beispielsweise in Wörterbüchern sowie Kontaktlisten auf unseren Smartphones (alphabetisch) oder den bereits erwähnten Fahrplänen und Blog-Beiträgen auf Websites (chronologisch) vorfinden. Die Herangehensweise unterliegt dabei festen Richtlinien, weshalb sie entsprechend leicht umsetzbar sind.

Screenshot: Navi
Der Index von Navi ordnet zentrale Begriffe des Leitfadens alphabetisch. Die feste Sortierregel macht ihn zu einem Beispiel für ein exaktes Organisationsschema.

Eine größere redaktionelle Verantwortung liegt hingegen bei den mehrdeutigen Organisationsschemata. Dabei werden Inhalte in Kategorien unterteilt, um diese für Nutzer*innen leichter zugänglich zu machen. Diese Kategorisierung ist rein subjektiv, baut aber meistens auf Erfahrungen und Analysen des Verhaltens von Nutzer*innen auf. Es ist nahezu unmöglich, die perfekte Kategorisierung von Inhalten vorzunehmen, da nicht alle Nutzer*innen Inhalte an den selben Stellen erwarten. Durch die Einhaltung von Konventionen kann es ihnen aber immerhin erleichtert werden, die gewünschten Inhalte zu finden und dabei möglicherweise mehr über das Thema in Erfahrung zu bringen. Für diese mehrdeutigen Organisationsschemata unterscheiden wir im Wesentlichen zwischen diesen fünf Möglichkeiten:

  • Themenorientiert: Die wohl häufigste Art der Kategorisierung, wie sie beispielsweise auf Nachrichtenportalen vorzufinden ist. Hier werden Artikel nach Themen wie Sport, Finanzen oder Politik unterteilt.
  • Aufgabenorientiert: Die Inhalte werden nach Aufgaben, die die Nutzer*innen erledigen möchten, sortiert. Auf der Website des örtlichen Amtes könnte das zum Beispiel die Ummeldung des Wohnsitzes oder die Beantragung eines Personalausweises sein.
  • Zielgruppenorientiert: Informationen werden für verschiedene Zielgruppen kategorisiert, um diese leichter an die entsprechenden Interessent*innen vermitteln zu können. Auf der Website einer Hochschule könnte das beispielsweise eine Unterteilung in “Studieninteressierte”, “Studierende” und “Mitarbeitende” sein.
  • Metaphorisch: Über einen Zusammenhang zu Konzepten aus der realen Welt kann ein leichterer Bezug hergestellt werden. So ist zum Beispiel die Organisation von Dokumenten auf Computern über ein Ordnersystem gelöst, welches leicht verständlich ist.
  • Hybrid: Mehrere Organisationsschemata können miteinander kombiniert werden. Auf der Website eines Theaters kann beispielsweise das Programm nach Themen neben aufgabenorientierten Optionen wie “Ticket kaufen” oder “Besuch planen” aufindbar sein. Sie sollten allerdings klar voneinander getrennt sein, was wir im Kapitel “Richtlinien von Labeling Systemen” genauer behandeln.
Screenshot: ARD Mediathek
In der ARD Mediathek können Sendungen beispielsweise über thematische Bereiche oder ihre Zugehörigkeit zu einem Sender gefunden werden.

Organisationsstrukturen

Die Organisationsstruktur bildet die Grundlage für die Navigation der Inhalte. Es gibt verschiedene Modelle zur Strukturierung, die je nach Kontext Vor- und Nachteile mit sich bringen, weshalb es sich anbietet, diese ergänzend zu verwenden. Die drei bedeutenden Modelle der Organisationsstruktur sind Hierarchien, das Datenbankmodell und Hypertext. Wir werden uns in diesem Leitfaden primär mit der Umsetzung von Hierarchien auseinandersetzen. Da Hierarchien von großer Bedeutung für die Gestaltung einer guten Navigationsstruktur sind, haben wir ihnen ein eigenes Kapitel in diesem Leitfaden gewidmet.

Hypertext

Im Gegensatz zu hierarchischen Strukturen, ist Hypertext nicht an einen linearen Aufbau gebunden. Durch Hyperlinks können Inhalte miteinander verbunden werden, unabhängig davon, an welcher Stelle sie sich in der eigentlichen Hierarchie befinden, um zusätzliche Wege zu thematisch zusammenhängenden Informationen herzustellen.

Durch diese Flexibilität kann die Navigation sinnvoll ergänzt werden, andererseits kann die Orientierung erschwert werden, wenn die Beziehungen zwischen den verknüpften Inhalten für Nutzer*innen nicht konkret nachvollziehbar sind. Hypertext sollte daher als Ergänzung zu einer Organisationsstruktur betrachtet werden und die Hierarchie nicht ersetzen. Es empfiehlt sich, eine nachvollziehbare Grundstruktur zu gestalten und die Inhalte sinnvoll durch zusätzliche Hyperlinks miteinander zu verbinden.

Zusammenfassung

Organisationssysteme bringen Ordnung in Inhalten und bilden damit eine wichtige Grundlage für die Navigation. Welche Form der Organisation sinnvoll ist, hängt von den Inhalten, dem Kontext und den Bedürfnissen sowie Erwartungen der Nutzer*innen ab. Exakte Organisationsschemata (wie alphabetisch oder chronologisch) folgen festen Regeln, mehrdeutige Organisationsschemata hingegen inhaltlicher Kategorisierung, die beispielsweise themen- oder aufgabenorientiert sein können.

Organisationsstrukturen bestimmen, wie Inhalte miteinander in Beziehung stehen. Hierarchien, Datenbankmodelle und Hypertext ergänzen sich dabei gegenseitig und bilden die strukturelle Grundlage für eine zielführende Navigation.

Quellen

  1. Szczepansky, Bart (18.04.2022). How to read the Information Architecture. Medium. Abgerufen am 06.09.2026.
  2. Core Principles of Information Architecture. Information Architecture Authority. Abgerufen am 06.09.2026.
  3. Rosenfeld, Louis; Morville, Peter; Arango, Jorge (2015). Information Architecture: For the Web and Beyond. 4. Auflage. O’Reilly Media.